„Wir sehen mit großer Sorge, dass Hamburg weiterhin die ‚Hauptstadt‘ der Essstörungen ist. Auch im Jahr 2023 wurden hier mehr Menschen mit Bulimie (Ess-Brech-Sucht), Anorexie (Magersucht) oder Essattacken diagnostiziert als in jeder anderen deutschen Stadt. Unsere Daten zeigen, dass bei 682 von 100.000 Hamburgerinnen und Hamburgern eine Essstörung festgestellt wurde – das sind rund 47 Prozent mehr als der bundesweite Durchschnitt von 464 Fällen pro 100.000 Einwohner.“
Susanne Klein, Landesgeschäftsführerin der Barmer in Hamburg
Zudem gibt es in der Versorgungsstruktur bislang kaum Alternativen zu ambulanten und stationären Therapien. Betroffene und Angehörige berichten, dass es nicht nur sehr lange dauert, bis Therapieplätze in spezialisierten Kliniken gefunden werden. Diese sind in der Hansestadt zudem häufig die einzige Option. Die Folge: Kinder und Jugendliche werden über mehrere Monate aus ihrem sozialen Umfeld gerissen. Schule und Ausbildung müssen häufig für einen längeren Zeitraum unterbrochen werden, Lebenswege geraten ins Stocken – mit ungewissem Ausgang.
Dabei zeigen Studien aus dem europäischen Ausland sowie Projekte in Deutschland, dass aufsuchende und andere innovative Ansätze bessere Ergebnisse versprechen, unter anderem die „familienbasierte Therapie“ (FBT).
Sie kann die Zeit in stationärer Behandlung nicht nur verkürzen, sondern sogar vermeiden. Die Berliner Charité führt derzeit die weltweit größte FBT-Studie an über 20 deutschen Kliniken durch. Hamburg ist bislang mit keiner einzigen Klinik daran beteiligt.
Diesen Zustand will die CDU-Fraktion ändern.
„Wir fordern ein Modellprojekt für die familienbasierte Therapie.“
Im Interview erklärt Christin Christ, gesundheitspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, warum aus ihrer Sicht jetzt politisches Handeln nötig ist.
Das ist Christin Christ:
Christin Christ ist seit März 2025 Abgeordnete der Hamburgischen Bürgerschaft. Christ ist gesundheitspolitische Sprecherin und setzt sich insbesondere für die Stärkung der ambulanten Gesundheitsversorgung, die Modernisierung der Hamburger Krankenhäuser sowie für mehr Therapieplätze im Bereich psychischer Erkrankungen und eine bessere regionale Verteilung von Angeboten ein. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Drogenpolitik, in der sie präventive Ansätze betont, stärkere Kontrollen fordert und sich kritisch zur Teillegalisierung von Cannabis äußert. Christin Christ ist Mitglied im Ausschuss für Gesundheit und Senioren sowie in weiteren parlamentarischen Gremien der Hamburgischen Bürgerschaft.
Frau Christ, die CDU-Bürgerschaftsfraktion will in der nächsten Sitzung einen Antrag zum Thema Essstörungen einbringen. Warum hat sich Ihre Fraktion diesem Thema angenommen?
Essstörungen sind eine der gefährlichsten psychischen Erkrankungen im Jugendalter, mit einer hohen Sterblichkeitsrate und massiven Folgen für die gesamte Familie. Gleichzeitig zeigen aktuelle Zahlen, dass Hamburg besonders stark betroffen ist, deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Für uns war deshalb klar, dass diese Entwicklung politisches Handeln erfordert, gerade weil junge Menschen und ihre Familien frühzeitig Unterstützung brauchen.
Warum braucht Hamburg neue Wege im Umgang mit Essstörungen?
Die Versorgung in Hamburg ist bisher stark auf ambulante Therapie, stationäre Behandlung und Beratung ausgerichtet, innovative und aufsuchende Ansätze fehlen jedoch vollständig. Gerade bei Essstörungen ist frühes Eingreifen entscheidend, deshalb müssen wir neue Wege gehen, die Betroffene schneller und im Alltag erreichen.
Was läuft aktuell noch nicht gut genug?
Es gibt in Hamburg bislang keine aufsuchenden Therapieangebote speziell für Kinder und Jugendliche mit Essstörungen. Zudem werden Familien noch nicht systematisch in die Behandlung einbezogen, obwohl sie eine zentrale Rolle spielen. Dadurch beginnt Hilfe oft zu spät und Erkrankungen verfestigen sich unnötig.
Ihr Antrag setzt auf familienbasierte Therapie. Warum?
Die familienbasierte Therapie setzt gezielt im direkten Lebensumfeld an und bindet Eltern aktiv in die Behandlung ein. Studien zeigen, dass dadurch Klinikaufenthalte verkürzt und Rückfälle reduziert werden können. Genau diesen evidenzbasierten Ansatz wollen wir mit einem Modellprojekt nach Hamburg holen.
Hamburg gilt als besonders betroffen – welche Gründe gibt es aus Ihrer Sicht dazu?
Hamburg hat mit 682 Fällen pro 100.000 Einwohner deutlich höhere Zahlen als der Bundesdurchschnitt, das ist ein klares Alarmsignal. Neben gesellschaftlichem Druck spielen auch die Nachwirkungen der Pandemie und psychosoziale Belastungen eine Rolle. Umso wichtiger ist es, dass Hamburg bei neuen Versorgungsansätzen vorangeht.
Die Schulbehörde hat kürzlich die Kampagne „ein-anfangs.de“ gestartet. Wie bewerten Sie die?
Prävention und Aufklärung sind wichtige Bausteine und solche Kampagnen können ein erster Schritt sein. Entscheidend ist aber, dass auf Aufklärung auch konkrete Hilfe folgt, genau hier setzen wir mit unserem Antrag an.
Wie ist die Stadt Hamburg insgesamt zum Thema Prävention und Behandlung von Essstörungen aufgestellt?
Hamburg verfügt über einzelne spezialisierte Beratungsangebote wie etwa Waage e. V. oder sMUTje, die wichtige Arbeit leisten. Insgesamt fehlt aber eine strukturierte, niedrigschwellige und frühzeitige Versorgung, insbesondere im Bereich aufsuchender Angebote.
Was fordern Sie konkret?
Wir fordern ein Modellprojekt für familienbasierte Therapie gemeinsam mit dem UKE und weiteren Einrichtungen. Zudem soll geprüft werden, wie eine zentrale Anlaufstelle für Betroffene geschaffen werden kann und wie Hamburg sich an bundesweiten Studien beteiligen kann. Außerdem braucht es eine wissenschaftliche Begleitung, um das Modell langfristig auszuweiten.
Was würde sich für betroffene Familien konkret ändern?
Familien würden früher erreicht und aktiv in die Behandlung eingebunden werden, statt erst im Krisenfall in der Klinik. Durch aufsuchende Angebote kann Hilfe direkt im Alltag stattfinden, das senkt Hemmschwellen und stabilisiert schneller.
Gibt es interfraktionelle Gespräche, um die Chancen für den Antrag zu erhöhen?
Wir sind offen für Gespräche mit anderen Fraktionen und setzen auf eine breite Unterstützung für dieses wichtige Thema. Gerade bei der Versorgung von Kindern und Jugendlichen sollte es einen gemeinsamen politischen Willen geben.
Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass der Antrag angenommen wird?
Angesichts der klaren Problemlage und der steigenden Fallzahlen erwarten wir eine ernsthafte inhaltliche Auseinandersetzung. Ob es für eine Mehrheit reicht, wird sich zeigen, aber wir sind überzeugt, dass der Senat hier handeln muss und unser Antrag dafür konkrete Impulse liefert.
Frau Christ, vielen Dank für das Interview.