„Mehrheitlich mit den Stimmen der SPD, GRÜNEN und AfD gegen die Stimmen der CDU bei Enthaltung der Linken abgelehnt.“
Protokoll der 22. Sitzung der Hamburgischen Bürgerschaft vom 22. April 2026.
Christin Christ, gesundheitspolitische Sprecherin der CDU-Fraktionim über die Ablehnung des Antrags und die nächsten Schritte.
Die Waage e.V. im Interview über die Situation in Hamburg und ihre Haltung zum Antrag der CDU.
Isabella Vértes-Schütter, stellvertretende Fraktionsvorsitzende erklärt im Interview die Position der SPD.
Gudrun Schittek erläutert in ihrem Statement die Haltung der Grünen Fraktion Hamburg.
Deniz Celik, Sprecher für Gesundheit & Innenpolitik, erläutert in seinem Statement die Haltung der Linksfraktion Hamburg.
Der Antrag der CDU zur Einführung eines Modellprojekts für familienbasierte Therapie (FBT) bei Essstörungen ist unterschiedlich bewertet worden, die Regierungsfraktionen haben ihn abgelehnt, wobei sich die Linke enthielt. Das Fachzentrum für Essstörungen in Hamburg, die Waage e. V. steht dem Modellprojekt zur familienbasierten Therapie positiv und offen gegenüber. „Dieser evidenzbasierte Ansatz zeigt insbesondere bei jungen Menschen mit Essstörungen gute Erfolge und bezieht Betroffene sowie ihr Umfeld aktiv ein. Aus unserer Sicht gibt es in Hamburg nicht genügend ambulante und stationäre Angebote, um den tatsächlichen Bedarf zu decken. Ein echter Kurswechsel in der Versorgung von Essstörungen in Hamburg wäre aus unserer Sicht der Aufbau spezialisierter Fachzentren, die einen niedrigschwelligen und zeitnahenZugang zu unterschiedlichen Angeboten ermöglichen.“
Die CDU kritisiert vor allem die fehlende Bereitschaft zur vertieften fachlichen Diskussion und sieht eine Lücke zwischen Problembewusstsein und konkretem Handeln. Sie argumentiert, bestehende Angebote reichten nicht aus und warnt davor, notwendige Verbesserungen durch das Warten auf Studien hinauszuzögern. Ziel ihres Antrags sei es gewesen, frühzeitig ansetzende, niedrigschwellige und familienorientierte Versorgungsansätze zu erproben.
Die Grünen teilen grundsätzlich das Ziel eines Ausbaus der familienbasierten Therapie, lehnen jedoch den vorgeschlagenen Weg ab. Gudrun Schittek (unter anderem Sprecherin für Frauen-, Kinder- und Jugendgesundheit) betont: „Wir teilen eindeutig das Ziel eines Ausbaus der familienbasierten Therapie, aber nicht den von der CDU vorgeschlagenen Weg.“ Kritisch gesehen wird vor allem das Risiko von Doppel- bzw. Parallelstrukturen durch ein Modellprojekt. Stattdessen plädieren die Grünen dafür, Versorgungslücken systematisch zu analysieren und bestehende Strukturen gezielt weiterzuentwickeln, unter anderem auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse wie der FIAT-Studie.
Auch die SPD erkennt die hohe Belastung für Betroffene und Familien sowie bestehenden Weiterentwicklungsbedarf an, hält den CDU-Antrag jedoch für nicht zielführend. Sie setzt auf eine Weiterentwicklung innerhalb der bestehenden Strukturen und betont die Bedeutung wissenschaftlicher Fundierung. Ein zusätzliches Modellprojekt wird abgelehnt, da es aus ihrer Sicht keine wesentlichen Fortschritte bringe und möglicherweise Doppelstrukturen schaffe. Stattdessen verweist die SPD auf vorhandene Angebote und laufende Entwicklungen, etwa am UKE, sowie auf die erwarteten Erkenntnisse der FIAT-Studie.
Die Linke zeigt sich zurückhaltend und enthält sich, da sie zunächst die Ergebnisse der laufenden FIAT-Studie abwarten will. Sie stellt infrage, warum Hamburg in eine laufende Studie einsteigen sollte, signalisiert aber Gesprächsbereitschaft im Ausschuss.
„Wir werden das Thema auf jeden Fall weiterverfolgen.“
Im Interview erklärt Christin Christ, gesundheitspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, wie Sie die Haltung der anderen Parteien bewertet und wie es jetzt mit dem Antrag weitergeht.
Das ist Christin Christ:
Christin Christ ist seit März 2025 Abgeordnete der Hamburgischen Bürgerschaft. Christ ist gesundheitspolitische Sprecherin und setzt sich insbesondere für die Stärkung der ambulanten Gesundheitsversorgung, die Modernisierung der Hamburger Krankenhäuser sowie für mehr Therapieplätze im Bereich psychischer Erkrankungen und eine bessere regionale Verteilung von Angeboten ein. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Drogenpolitik, in der sie präventive Ansätze betont, stärkere Kontrollen fordert und sich kritisch zur Teillegalisierung von Cannabis äußert. Christin Christ ist Mitglied im Ausschuss für Gesundheit und Senioren sowie in weiteren parlamentarischen Gremien der Hamburgischen Bürgerschaft.
Frau Christ, Ihr Antrag wurde nicht nur abgelehnt, sondern auch nicht in den Gesundheitsausschuss überwiesen. Wie bewerten Sie den Ausgang der Abstimmung?
Das ist ein enttäuschendes Signal, gerade angesichts der Relevanz des Themas. Es wäre das Mindeste gewesen, den Antrag im Ausschuss fachlich zu diskutieren. Stattdessen wurde eine vertiefte Auseinandersetzung von vornherein blockiert. Das wird der Situation vieler betroffener Familien nicht gerecht.
Was sagt es aus Ihrer Sicht über die politische Auseinandersetzung, wenn es nicht einmal zu einer vertieften Beratung im Ausschuss kommt?
Das wirft aus unserer Sicht schon Fragen auf. Gerade bei einem Thema wie Essstörungen, das viele Familien massiv belastet, sollte es selbstverständlich sein, Anträge unabhängig davon von welcher Fraktion diese kommen, zumindest fachlich im Ausschuss zu diskutieren. Wenn dieser Schritt nicht einmal zugelassen wird, entsteht der Eindruck, dass gute Vorschläge aus der Opposition gar nicht erst ernsthaft geprüft werden sollen. Das ist besonders bedauerlich, weil dieses Thema eigentlich über parteipolitische Grenzen hinweg gemeinsam angegangen werden müsste.
Eine Mehrheit gegen den Antrag kam durch SPD, Grüne und AfD zustande, die Linke enthielt sich. Welche Schlüsse ziehen Sie aus dieser Konstellation?
Inhaltlich zeigt das, dass es aktuell keine klare politische Mehrheit für neue Versorgungsansätze gibt. Besonders kritisch sehen wir, dass die Regierungsfraktionen trotz anerkannter Problemlage keine Bereitschaft zeigen, neue Wege zumindest zu prüfen. Die Enthaltung der Linken deutet immerhin an, dass es in Teilen des Parlaments Offenheit für das Thema gibt.
In der Debatte wird die Problemlage grundsätzlich anerkannt. Wo ist aus Ihrer Sicht dennoch der politische Konsens auf dem Weg zu konkreten Maßnahmen verloren gegangen?
Der Konsens endet dort, wo es konkret wird. Solange man über steigende Fallzahlen spricht, gibt es breite Zustimmung. Wenn es aber darum geht, neue Ansätze wie ein Modellprojekt umzusetzen, überwiegt offenbar die Zurückhaltung. Genau diese Lücke zwischen Problemanalyse und Handeln ist das eigentliche Problem.
Die Regierungsfraktionen verweisen auf bestehende Angebote und laufende Studien. Wie bewerten Sie dieses Argument des Abwartens?
Bestehende Angebote sind wichtig, aber sie reichen offensichtlich nicht aus, sonst hätten wir nicht diese hohen Fallzahlen. Sich ausschließlich auf laufende Studien zu berufen, greift zu kurz. Gerade weil es bereits belastbare internationale Erkenntnisse gibt, sollte Hamburg jetzt aktiv werden und nicht nur abwarten.
Welche Rolle sollte wissenschaftliche Evidenz bei der Weiterentwicklung der Versorgung spielen – und ab wann wird das Abwarten aus Ihrer Sicht problematisch?
Wissenschaftliche Evidenz ist zentral, gerade deshalb haben wir ein wissenschaftlich begleitetes Modellprojekt vorgeschlagen. Problematisch wird es, wenn vorhandene Erkenntnisse nicht genutzt werden und stattdessen jahrelang auf weitere Studien verwiesen wird. Die Situation in Hamburg ist jetzt schon problematisch, da wir aktuell die höchsten Fallzahlen im Bundesvergleich. Wenn es um die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen geht, können wir es uns nicht leisten, notwendige Verbesserungen weiter aufzuschieben.
Hamburg weist im Bundesvergleich hohe Fallzahlen bei Essstörungen auf. Welche konkreten Konsequenzen sollte die Politik daraus ziehen?
Hamburg muss den Anspruch haben, hier Vorreiter zu sein und neue Versorgungsansätze aktiv zu erproben. Dazu gehören frühzeitige Interventionen, bessere Koordination und niedrigschwellige Zugänge für Familien. Hohe Fallzahlen dürfen nicht nur festgestellt, sondern müssen politisch beantwortet werden. Genau daran fehlt es aktuell.
Ihr Antrag zielte auf ein Modellprojekt zur familienbasierten Therapie. Welche Versorgungslücke wollten Sie damit konkret schließen – und was unterscheidet diesen Ansatz von bestehenden Strukturen?
Wir wollten die Lücke zwischen ambulanter Behandlung und stationärer Aufnahme schließen. Der familienbasierte Ansatz setzt frühzeitig im Alltag an und bindet Eltern aktiv ein, statt erst im Krisenfall zu reagieren. Anders als bestehende Strukturen ist er aufsuchend, niedrigschwellig und stärker präventiv ausgerichtet. Genau das fehlt derzeit in Hamburg.
Kritiker warnen vor Doppelstrukturen. Wie hätte sichergestellt werden können, dass neue Ansätze sinnvoll in das bestehende System eingebettet werden?
Unser Ansatz war ausdrücklich als Modellprojekt gemeinsam mit bestehenden Einrichtungen wie dem UKE gedacht. Es ging nicht um Parallelstrukturen, sondern um eine sinnvolle Ergänzung und Weiterentwicklung. Durch wissenschaftliche Begleitung sollte genau geprüft werden, wie sich das Angebot integrieren lässt. Doppelstrukturen wären damit gerade vermieden worden.
Was müsste sich aus Ihrer Sicht grundsätzlich ändern, damit sich die Versorgungssituation für betroffene Kinder, Jugendliche und Familien in Hamburg spürbar verbessert?
Wir brauchen mehr Frühintervention, stärkere Einbindung der Familien und bessere Orientierung im System. Zudem müssen innovative Ansätze schneller erprobt und bei Erfolg ausgebaut werden. Entscheidend ist, dass Hilfe früher ansetzt und nicht erst, wenn die Situation eskaliert. Das erfordert auch mehr Mut zur Veränderung.
Wie geht es jetzt weiter, werden Sie das Thema weiterverfolgen, andere Projekte anschieben, das Gespräch mit den anderen Parteien suchen oder den Antrag noch mal einbringen?
Wir werden das Thema auf jeden Fall weiterverfolgen. Dazu gehören weitere parlamentarische Initiativen, Gespräche mit Fachakteuren und der Austausch mit anderen Fraktionen. Wenn sich neue Anknüpfungspunkte ergeben, schließen wir auch einen neuen Anlauf nicht aus. Für uns ist klar, dass dieses Thema auf die politische Agenda gehört und dort auch bleibt.
Frau Christ, vielen Dank für das Interview.
„Die Schaffung eines ergänzenden Modellprojekts halten wir allerdings nicht für zielführend.“
Im Interview erklärt die stellvertretende Vorsitzende der Hamburger SPD-Fraktion, Isabella Vértes-Schütter, die Haltung ihrer Fraktion.
Das ist Isabella Vértes-Schütter:
Isabella Vértes-Schütter ist seit 1994 Mitglied der SPD, gehörte 2004 zum Kompetenzteam des SPD-Spitzenkandidaten Thomas Mirow und wurde 2011 direkt in die Hamburgische Bürgerschaft gewählt.
Wie bewertet die SPD-Fraktion die aktuelle Versorgungssituation von Kindern und Jugendlichen mit Essstörungen in Hamburg? Teilt die SPD die Einschätzung, dass Hamburg beim Thema Essstörungen strukturellen Weiterentwicklungsbedarf hat?
Essstörungen sind schwere Erkrankungen, die das Leben junger Menschen und ihrer Familien oft tiefgreifend verändern. Viele Betroffene kämpfen über lange Zeit mit der Erkrankung. Für Eltern und Angehörige ist diese Situation häufig mit großer Sorge, Unsicherheit und Belastung verbunden. Uns ist sehr bewusst, wie ernst diese Lage ist. Wir nehmen die Sorgen der betroffenen Familien sehr ernst und haben die Versorgungssituation von Kindern und Jugendlichen mit Essstörungen daher genau im Blick. In Hamburg gibt es ein breites Hilfesystem aus medizinischer Versorgung, psychotherapeutischen Angeboten, Beratungsstellen und Prävention. Dazu gehören unter anderem das Fachzentrum für Essstörungen Waage e. V., das Beratungsangebot sMUTje der Therapiehilfe gGmbH sowie das Projekt Kajal von Frauenperspektiven e. V., die für viele Familien wichtige erste Anlaufstellen sind. Mit „DreiFürEins“ gibt es in Hamburg bereits ein bundesweit vorbildliches Projekt der Zusammenarbeit von Schule, Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie, um frühzeitig auf Probleme junger Menschen mit der psychischen Gesundheit reagieren zu können. Damit betroffene Familien bestmöglich unterstützt werden, wird die Versorgung regelmäßig überprüft und an aktuelle fachliche Standards angepasst. Die bestehenden Angebote sind dafür eine gute Grundlage. Auch das UKE entwickelt seine Angebote kontinuierlich weiter.
Wie beurteilt die SPD den von der CDU eingebrachten Antrag insgesamt? Hält die SPD den Antrag für zustimmungsfähig? Wenn nicht, warum nicht?
Der Antrag greift ein sehr wichtiges Thema auf, bei dem wir uns alle eine spürbare Verbesserung für Betroffene wünschen, bringt es aber aus unserer Sicht nicht nennenswert voran. Daher können wir ihm in dieser Form nicht zustimmen. Für uns ist entscheidend, dass Maßnahmen auf einer fundierten fachlichen Grundlage beruhen und sinnvoll in die bestehenden Strukturen eingebettet sind. Gerade bei Essstörungen braucht es sorgfältig abgestimmte Lösungen, die den betroffenen Kindern, Jugendlichen und ihren Familien tatsächlich helfen und sie nicht durch die Schaffung von Doppelstrukturen zusätzlich verunsichern. Die bundesweite FIAT-Studie steht auch Betroffenen aus Hamburg offen. Gleichzeitig gibt es in Hamburg bereits Angebote mit aufsuchenden Elementen.
Wie bewertet die SPD die Tatsache, dass Hamburg nicht an der FIAT-Studie beteiligt ist?
Eine Beteiligung Hamburger Einrichtungen an der Studie wäre grundsätzlich wünschenswert gewesen. Wichtig ist, dass die Teilnahme an der FIAT-Studie auch in Hamburg lebenden Betroffenen möglich ist. Gleichzeitig ist die Entscheidung über eine Studienteilnahme immer eine wissenschaftliche Frage, die vom UKE eigenständig getroffen wird. Das ist ein wichtiger Bestandteil der Wissenschaftsfreiheit und muss respektiert werden. Entscheidend ist aus unserer Sicht vor allem, dass die Ergebnisse solcher Studien den betroffenen Familien konkret helfen und allen Betroffenen zugutekommen und in die Weiterentwicklung der Versorgung einfließen. Ziel der Studie ist ja, die Familienbasierte Therapie mit anderen Therapiemöglichkeiten zu vergleichen. Wenn dadurch eine Finanzierung der FBT durch die Krankenkassen erreicht werden kann, dann profitieren auch Betroffene in Hamburg davon.
Wie steht die SPD zur Einrichtung eines Modellprojekts für familienbasierte Therapie in Hamburg?
Uns ist wichtig zu betonen: Wir stehen der Familienbasierten Therapie aufgeschlossen gegenüber. Die Einbindung von Eltern und Angehörigen ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung von Essstörungen. In Hamburg wird dieser Ansatz bereits heute aufgegriffen. Mitarbeitende des UKE sind in der familienbasierten Therapie geschult, und entsprechende Prinzipien fließen bereits in die Beratung und Behandlung von betroffenen Familien ein. Die Schaffung eines ergänzenden Modellprojekts halten wir allerdings nicht für zielführend, sondern erwarten uns wichtige Erkenntnisse aus der FIAT-Studie.
Reichen die bestehenden Angebote in Hamburg aus Sicht der SPD grundsätzlich aus?
Die bestehenden Angebote sind für viele Betroffene und Familien eine große Hilfe. Gleichzeitig hören wir immer wieder, wie belastend und kräftezehrend der Weg zur passenden Unterstützung für viele Familien ist und dass er viel Geduld erfordert. Insbesondere beim Zugang zur ambulanten psychotherapeutischen Versorgung gibt es strukturelle Herausforderungen. Wir sehen dort weiterhin Handlungsbedarf, die Versorgung insbesondere beim Zugang zu Therapieplätzen und bei der Begleitung von Familien in dieser schwierigen Situation zu verbessern.
Welche Rolle sollten das UKE und andere Einrichtungen bei neuen Versorgungsansätzen spielen?
Das UKE ist ein zentraler Anlaufpunkt für Diagnostik, Behandlung und die fachliche Weiterentwicklung der Versorgung. Dort gibt es viel Erfahrung im Umgang mit komplexen Krankheitsverläufen, was für betroffene Familien eine wichtige Sicherheit ist. Am UKE finden betroffene junge Menschen und ihre Familien qualifizierte Unterstützung und Behandlung. Aus dieser Praxis entstehen maßgebliche fachliche Neuerungen, werden dort aufgegriffen, weiterentwickelt und in die bestehende Versorgung integriert. Dabei spielen natürlich auch neue Versorgungsansätze eine Rolle. Zwei Beschäftigte des UKE wurden bereits an der Charité in Familienbasierter Therapie geschult. Aktuell gibt es am UKE vier Plätze in der stationsäquivalenten Behandlung mit einem aufsuchenden Team. Zudem betreibt das UKE mit Homeb@se ein weiteres aufsuchendes Innovationsfonds-Projekt. Das UKE hat uns vor Kurzem mitgeteilt, dass es einer Ausweitung der stationsäquivalenten Behandlung positiv gegenübersteht und sich mit den Krankenkassen in Verhandlungen über die Kostenübernahme befindet. Wenn das gelänge, wäre das eine sehr gute Nachricht für betroffene Familien in Hamburg.
Wie bewertet die SPD die Idee einer zentralen, niedrigschwelligen Anlaufstelle?
Für viele Familien ist es entscheidend, schnell Orientierung zu bekommen und zu wissen, an wen sie sich wenden können. In Hamburg sind das etablierte Beratungsangebote wie sMUTje – Starthilfe für MUTige Jugendliche mit Essstörungen und Waage e. V. Die Arbeit dieser Beratungsstellen ist unglaublich wichtig und für viele Betroffene und ihre Familien oft der erste Schritt raus aus der Unsicherheit.
Welche nächsten Schritte hält die SPD im Umgang mit Essstörungen für prioritär?
Das Thema hat für uns hohe Priorität, weil wir wissen, wie tief diese Erkrankung in das Leben von Betroffenen und ihren Familien eingreift. Wir arbeiten daran, dass die Unterstützung für Betroffene und ihre Familien kontinuierlich verbessert wird. Unser zentrales Anliegen ist, dass betroffene Kinder und Jugendliche und ihre Familien professionelle Hilfe auf dem neuesten anerkannten medizinischen Stand erhalten und schneller sowie verlässlicher Unterstützung bekommen. Gleichzeitig setzen wir auf Prävention und Aufklärung, etwa in Schulen, damit Essstörungen frühzeitig erkannt werden können. Und wir werden neue wissenschaftliche Erkenntnis
Frau Vértes-Schütter, vielen Dank für das Interview.
„Politisch steht vor allem die Bundesregierung in der Verantwortung, für mehr Behandlungskapazitäten zu sorgen.“
Statement von Gudrun Schittek, unter anderem Sprecherin für ambulante medizinische Versorgung, Frauen-, Kinder- und Jugendgesundheit sowie Abgeordnete der Grünen Fraktion Hamburg.
Das ist Gudrun Schittek:
Die niedergelassene Frauenärztin ist 2020 mit einem Direktmandat in die Hamburgische Bürgerschaft gewählt worden. Seit 2014 war sie Abgeordnete der Bezirksversammlung Harburg. Sie sagt:
„Uns ist das Leid der Betroffenen von Essstörungen und ihren Familien bewusst und wir wollen, dass sie in dieser schweren Situation passgenau unterstützt werden können. Dafür werden in Hamburg die Versorgung und das Hilfsangebot kontinuierlich in den Blick genommen und anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse ausgerichtet. Deshalb ist es mir wichtig zu betonen: Wir teilen eindeutig das Ziel eines Ausbaus der familienbasierten Therapie, aber nicht den von der CDU vorgeschlagenen Weg. Mit dem geforderten Modellprojekt würde ein Parallelangebot geschaffen, mit dem Risiko, dass aneinander vorbeigearbeitet wird.
Wir begrüßen es sehr, dass die Charité mit der FIAT-Studie den FBT-Ansatz untersucht und zahlreiche Kliniken beteiligt. Die Ergebnisse werden wichtige Hinweise liefern, unter welchen Voraussetzungen FBT eingesetzt werden kann und gute Erfolgschancen hat – davon sollen langfristig alle Betroffenen und Behandler*innen in Deutschland profitieren. Wir unterstützen das langfristige Ziel, FBT in die Regelversorgung der Krankenkassen zu überführen. Nur wenn die familienbasierte Therapie auch als Kassenleistung abgerechnet wird, kann deutlich mehr Menschen damit geholfen werden.
Zusätzlich sind entsprechende Weiterbildungen für Behandler*innen und der Ausbau der gesamten Behandlungskapazitäten in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie wichtig. Die Bundesgesundheitsministerin darf die psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen auf gar keinen Fall gefährden! Die beschlossenen Honorarkürzungen für Psychotherapeut*innen sind auch vor diesem Hintergrund fatal. Unter derartigen Entscheidungen der Bundesregierung leiden viele Familien, auch bei uns in Hamburg. Die Hamburger CDU sollte dringend auf ihre Parteifreundin Nina Warken einwirken, das zu stoppen und vor allem den bereits von der Ampelkoalition beschlossenen Ausbau der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie weiter voranzutreiben.
Sinnvoller ist es, genau zu untersuchen, wo Lücken im System bestehen und auf dieser Basis zielgerichtet Angebote zu schaffen. Dabei geht es aus unserer Sicht auch um passgenaue Fortbildungsangebote für die Behandler*innen in den bestehenden Strukturen. Die FIAT-Studie ist dafür eine wichtige Grundlage. Hamburger Familien können teilnehmen, wenn sie auch Präsenztermine in Bad Bevensen oder Kiel wahrnehmen können. Über weitere Teilnahmebedingungen wird auf der Website der Studie ausführlich informiert. Wir hätten eine Beteiligung des UKE an der Studie durchaus begrüßt, letztlich ist das aber die souveräne Entscheidung des UKE. Politisch steht vor allem die Bundesregierung in der Verantwortung, für mehr Behandlungskapazitäten zu sorgen, damit alle betroffenen Kinder und Jugendlichen und deren Familien wirksame Hilfe erhalten können.“
„Aus dem CDU-Antrag erschließt sich für uns nicht, warum Hamburg in eine laufende Studie einsteigen sollte.“
Statement von Deniz Celik, Sprecher für Gesundheit & Innenpolitik der Linksfraktion Hamburg.
Das ist Deniz Celik:
Die niedergelassene Frauenärztin ist 2020 mit einem Direktmandat in die Hamburgische Bürgerschaft gewählt worden. Seit 2014 war sie Abgeordnete der Bezirksversammlung Harburg. Sie sagt:
„Zurzeit läuft die FIAT-Studie unter Beteiligung einer Reihe von Unikliniken und Leitung der Charitè. Wir erachten es als sinnvoll, die Ergebnisse der Studie abzuwarten, z.B. für welche Gruppen von Patient*innen und welche Gruppen von Eltern sich der Ansatz eignet oder eben nicht so gut eignet. Aus dem CDU-Antrag erschließt sich für uns nicht, warum Hamburg in eine laufende Studie einsteigen sollte. Wir werden allerdings der Überweisung in den Gesundheitsausschuss zustimmen, um uns mit den Argumenten von Senat, Regierungsfraktionen und CDU-Fraktion auseinanderzusetzen.
Essstörungen, Ängste und Depressionen haben bei Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren deutlich zugenommen und die Unterstützungsangebote haben mit dem steigenden Bedarf nicht Schritt gehalten und es gibt Weiterentwicklungsbedarf. Deshalb hat die Linke in 2023 beantragt die ambulanten Beratungsangebote zu Essstörungen aufzustocken. In 2024 hat die Linke außerdem beantragt, in einem Modellprojekt gruppentherapeutische Angebote für Kinder und Jugendliche und begleitende Angebote für ihre Eltern zu erproben und psychisch belastete Kinder und Jugendliche im Sinne der Prävention zu unterstützen noch bevor eine manifeste psychische Erkrankung vorliegt."
„Aus unserer Sicht ist die Versorgung in Hamburg aktuell nicht ausreichend, um den tatsächlichen Bedarf zu decken.“
Im Gespräch mit der Waage e. V. geht es um die aktuelle Versorgungssituation in Hamburg, die Rolle von Familien im Therapieprozess und die Frage, welche Strukturen es braucht, damit Hilfe früher und nachhaltiger ankommt.
Das ist die Waage e.V.:
Waage e.V. ist ein gemeinnütziger Verein in Hamburg, der sich auf die Beratung und Unterstützung von Menschen mit Essstörungen sowie deren Angehörigen spezialisiert hat. Als Fachzentrum bietet er niedrigschwellige Hilfe durch persönliche und digitale Beratungsangebote, begleitet bei der Suche nach geeigneten Therapieplätzen und arbeitet mit einem ganzheitlichen Ansatz, der psychische, familiäre und soziale Faktoren einbezieht. Ziel ist es, früh Orientierung zu geben, Betroffene zu stabilisieren und Familien aktiv in den Unterstützungsprozess einzubinden.
Hamburg gilt als „Hochburg der Essstörungen“ ist die aktuelle Versorgung aus Ihrer Sicht ausreichend?
Aus unserer Sicht ist die Versorgung in Hamburg aktuell nicht ausreichend, um den tatsächlichen Bedarf zu decken. Zwar gibt es engagierte und qualitativ hochwertige Angebote wie Smutje, Kajal und Waage e.V., die seit vielen Jahren wichtige Arbeit leisten, doch gleichzeitig ist die Nachfrage in den letzten Jahren deutlich gestiegen, so dass die bestehenden Strukturen zunehmend an ihre Grenzen stoßen. Gerade bei Essstörungen ist eine frühzeitige, niedrigschwellige und verlässliche Unterstützung entscheidend. In der Praxis erleben wir häufig lange Wartezeiten, Engpässe und Unterschiede im Zugang zu Hilfsangeboten. Insgesamt braucht es daher mehr Kapazitäten und einen Ausbau des Versorgungssystems, um Betroffene und ihre Familien besser zu erreichen.
Wer trägt aus Ihrer Sicht die Hauptverantwortung für bestehende Versorgungslücken: Stadt, Bund oder Krankenkassen?
Die Verantwortung für bestehende Versorgungslücken liegt aus unserer Sicht bei mehreren Akteuren. Der Bund setzt den rechtlichen Rahmen, die Krankenkassen sind zentral für Finanzierung und Leistungszugang, und die Stadt Hamburg ist gefordert, die Versorgung vor Ort aktiv zu gestalten und Bedarfe frühzeitig zu erkennen. In der Praxis greifen diese Zuständigkeiten jedoch oft nicht ausreichend ine inander. Dadurch entstehen Lücken, die unmittelbar zulasten der Betroffenen und ihrer Angehörigen gehen. Entscheidend ist daher weniger ein „Entweder oder“, sondern ein abgestimmtes Zusammenwirken aller Beteiligten. Nur so kann die Versorgung bedarfsgerech t weiterentwickelt werden.
Die CDU fordert ein Modellprojekt für familienbasierte Therapie halten Sie diesen Ansatz für notwendig oder überflü ssig?
Wir stehen dem Modellprojekt zur familienbasierten Therapie positiv und offen gegenüber. Dieser evidenzbasierte Ansatz zeigt insbesondere bei jungen Menschen mit Essstörungen gute Erfolge und bezieht Betroffene sowie ihr Umfeld aktiv ein. Gleichzeitig ist uns wichtig zu betonen, dass ein solches Projekt bestehende Angebote nicht ersetzt, sondern sinn voll ergänzt. Die aktuellen Strukturen leisten viel, stoßen jedoch zunehmend an Kapazitätsgrenzen. Ein Modellprojekt kann helfen, Versorgungslücken zu verringern und neue Zugangswege zu erproben. Entscheidend ist dabei, Familien vor Ort zu stärken und mit ausreichend qualifizierten, erfahrenen Therapeut*innen zu arbeiten. 4.
Gibt es in Hamburg aus Ihrer Sicht bereits genug ambulante und stationäre Angebote?
Nein, aus unserer Sicht gibt es in Hamburg nicht genügend ambulante und stationäre Angebote, um den tatsächlichen Bedarf zu decken. Die bestehenden Einrichtungen arbeiten vielfach am Limit, was sich unter anderem in langen Wartezeiten und erschwertem Zugang zu passender Hilfe zeigt. Gerade deshalb haben niedrigschwellige Beratungsstellen wie unsere eine wichtige Funktion als erste Anlaufstelle: Sie ermöglichen eine schnelle Orientierung, Stabilisierung und Planung der nächsten Schritte – kostenfrei, vertraulich und auf Wunsch anonym. Dennoch stoßen auch wir zunehmend an Kapazitätsgrenzen. Insgesamt braucht es mehr Behandlungsplätze, spezialisierte Fachkräfte und eine bessere Ausstattung der Versorgung. Nur so kann gewährleistet werden, dass Betroffene frühzeitig und bedarfsgerecht Unterstützung erhalten.
Wie bewerten Sie die Gefahr von „Parallelstrukturen Parallelstrukturen“, wenn neue Modelle eingeführt werden?
Die Sorge vor sogenannten „Parallelstrukturen“ nehmen wir ernst, sehen sie im Bereich der Versorgung von Essstörungen jedoch vor allem dann als problematisch, wenn neue Angebote isoliert entstehen oder zulasten bestehender Strukturen gehen. Entscheidend is t aus unserer Sicht daher nicht, ob neue Modelle entwickelt werden, sondern wie sie in das bestehende Versorgungssystem eingebunden sind. Gut konzipierte Modellprojekte können bestehende Angebote sinnvoll ergänzen, Versorgungslücken schließen und neue Ansä tze erproben, ohne vorhandene Strukturen zu verdrängen. Voraussetzung dafür ist eine enge Zusammenarbeit aller Akteure von Beratungsstellen über therapeutische Angebote bis hin zu Kliniken. Wenn diese Vernetzung gelingt, entstehen keine Parallelstrukturen, sondern ein flexibleres und Vernetzung gelingt, entstehen keine Parallelstrukturen, sondern ein flexibleres und erweitertes Versorgungssystem. Gerade angesichts des hohen Bedarfs braucht es aus erweitertes Versorgungssystem. Gerade angesichts des hohen Bedarfs braucht es aus unserer Sicht mehr Kooperation und Ergänzung statt Abgrenzung.unserer Sicht mehr Kooperation und Ergänzung statt Abgrenzung.
Wo sehen Sie aktuell die größten konkreten Versorgungsengpässe im Alltag der Betroffenen?
Versorgungsengpässe beobachten wir entlang der gesamten Versorgungskette. Bereits bei den ersten Anlaufstellen kommt es teilweise zu längeren Wartezeiten, obwohl der Bedarf an niedrigschwelliger Unterstützung sehr hoch ist. Besonders deutlich zeigen sich Engpässe im therapeutischen Bereich durch zu geringe Kapazitäten und lange Wartezeiten. Auch in der medizinischen Versorgung bestehen Hürden, etwa durch Aufnahmestopps in Hausarztpraxen oder Schwierigkeiten, zeitnah ärztliche Hilfe zu erhalten. Diese Engpässe sind sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich Realität. Zusätzlich ist die ernährungstherapeutische Versorgung häufig unzureichend finanziert und mit hohen Eigenkosten für Betroffene verbunden.
Was wäre aus Ihrer Sicht ein echter Kurswechsel in der Versorgung von Essst ö rungen in Hamburg?
Ein echter Kurswechsel in der Versorgung von Essstörungen in Hamburg wäre aus unserer Sicht der Aufbau spezialisierter Fachzentren, die einen niedrigschwelligen und zeitnahen Zugang zu unterschiedlichen Angeboten ermöglichen. Dazu gehören medizinische Begleitung, Beratung, Psychotherapie, Ernährungsberatung, Gruppenangebote sowie ausdrücklich auch präventive Maßnahmen. Entscheidend ist zudem eine enge interdisziplinäre Zusamme narbeit, damit Betroffene zeitnah und koordiniert Hilfe erhalten. Ein weiterer zen traler Punkt ist eine angemessene und verlässliche Finanzierung der Leistungen, sowohl für die Einrichtungen als auch für die Fachkräfte. Insgesamt würde dies die Versorgung stärker bündeln, Zugänge erleichtern und nachhaltiger gestalten