„Bei 682 von 100.000 Hamburgerinnen und Hamburgern wurde eine Essstörung festgestellt – das sind rund 47 Prozent mehr als der bundesweite Durchschnitt von 464 Fällen pro 100.000 Einwohner.“
Susanne Klein, Landesgeschäftsführerin der Barmer in Hamburg
Studien aus dem europäischen Ausland sowie Projekte in Deutschland zeigen, dass aufsuchende und andere innovative Ansätze sehr gute Ergebnisse versprechen, unter anderem die „familienbasierte Therapie“ (FBT).
Sie kann die Zeit in stationärer Behandlung nicht nur verkürzen, sondern sogar vermeiden. Die Berliner Charité führt derzeit die weltweit größte FBT-Studie an über 20 deutschen Kliniken durch. Hamburg ist bislang mit keiner einzigen Klinik daran beteiligt.
Diesen Zustand will die CDU-Fraktion mit ihrem Antrag am 22.4. in der Bürgerschaft ändern.
16.4.: Alle Details zum Antrag erklärt Christin Christ im Interview.
17.4.: erste Stellungnahme von Gudrun Schittek (Grüne Fraktion Hamburg).
18.4.: neues Statement von Gudrun Schittek (Grüne Fraktion Hamburg).
„Wir fordern ein Modellprojekt für die familienbasierte Therapie.“
Im Interview erklärt Christin Christ, gesundheitspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, warum aus ihrer Sicht jetzt politisches Handeln nötig ist.
Das ist Christin Christ:
Christin Christ ist seit März 2025 Abgeordnete der Hamburgischen Bürgerschaft. Christ ist gesundheitspolitische Sprecherin und setzt sich insbesondere für die Stärkung der ambulanten Gesundheitsversorgung, die Modernisierung der Hamburger Krankenhäuser sowie für mehr Therapieplätze im Bereich psychischer Erkrankungen und eine bessere regionale Verteilung von Angeboten ein. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Drogenpolitik, in der sie präventive Ansätze betont, stärkere Kontrollen fordert und sich kritisch zur Teillegalisierung von Cannabis äußert. Christin Christ ist Mitglied im Ausschuss für Gesundheit und Senioren sowie in weiteren parlamentarischen Gremien der Hamburgischen Bürgerschaft.
Frau Christ, die CDU-Bürgerschaftsfraktion will in der nächsten Sitzung einen Antrag zum Thema Essstörungen einbringen. Warum hat sich Ihre Fraktion diesem Thema angenommen?
Essstörungen sind eine der gefährlichsten psychischen Erkrankungen im Jugendalter, mit einer hohen Sterblichkeitsrate und massiven Folgen für die gesamte Familie. Gleichzeitig zeigen aktuelle Zahlen, dass Hamburg besonders stark betroffen ist, deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Für uns war deshalb klar, dass diese Entwicklung politisches Handeln erfordert, gerade weil junge Menschen und ihre Familien frühzeitig Unterstützung brauchen.
Warum braucht Hamburg neue Wege im Umgang mit Essstörungen?
Die Versorgung in Hamburg ist bisher stark auf ambulante Therapie, stationäre Behandlung und Beratung ausgerichtet, innovative und aufsuchende Ansätze fehlen jedoch vollständig. Gerade bei Essstörungen ist frühes Eingreifen entscheidend, deshalb müssen wir neue Wege gehen, die Betroffene schneller und im Alltag erreichen.
Was läuft aktuell noch nicht gut genug?
Es gibt in Hamburg bislang keine aufsuchenden Therapieangebote speziell für Kinder und Jugendliche mit Essstörungen. Zudem werden Familien noch nicht systematisch in die Behandlung einbezogen, obwohl sie eine zentrale Rolle spielen. Dadurch beginnt Hilfe oft zu spät und Erkrankungen verfestigen sich unnötig.
Ihr Antrag setzt auf familienbasierte Therapie. Warum?
Die familienbasierte Therapie setzt gezielt im direkten Lebensumfeld an und bindet Eltern aktiv in die Behandlung ein. Studien zeigen, dass dadurch Klinikaufenthalte verkürzt und Rückfälle reduziert werden können. Genau diesen evidenzbasierten Ansatz wollen wir mit einem Modellprojekt nach Hamburg holen.
Hamburg gilt als besonders betroffen – welche Gründe gibt es aus Ihrer Sicht dazu?
Hamburg hat mit 682 Fällen pro 100.000 Einwohner deutlich höhere Zahlen als der Bundesdurchschnitt, das ist ein klares Alarmsignal. Neben gesellschaftlichem Druck spielen auch die Nachwirkungen der Pandemie und psychosoziale Belastungen eine Rolle. Umso wichtiger ist es, dass Hamburg bei neuen Versorgungsansätzen vorangeht.
Die Schulbehörde hat kürzlich die Kampagne „ein-anfangs.de“ gestartet. Wie bewerten Sie die?
Prävention und Aufklärung sind wichtige Bausteine und solche Kampagnen können ein erster Schritt sein. Entscheidend ist aber, dass auf Aufklärung auch konkrete Hilfe folgt, genau hier setzen wir mit unserem Antrag an.
Wie ist die Stadt Hamburg insgesamt zum Thema Prävention und Behandlung von Essstörungen aufgestellt?
Hamburg verfügt über einzelne spezialisierte Beratungsangebote wie etwa Waage e. V. oder sMUTje, die wichtige Arbeit leisten. Insgesamt fehlt aber eine strukturierte, niedrigschwellige und frühzeitige Versorgung, insbesondere im Bereich aufsuchender Angebote.
Was fordern Sie konkret?
Wir fordern ein Modellprojekt für familienbasierte Therapie gemeinsam mit dem UKE und weiteren Einrichtungen. Zudem soll geprüft werden, wie eine zentrale Anlaufstelle für Betroffene geschaffen werden kann und wie Hamburg sich an bundesweiten Studien beteiligen kann. Außerdem braucht es eine wissenschaftliche Begleitung, um das Modell langfristig auszuweiten.
Was würde sich für betroffene Familien konkret ändern?
Familien würden früher erreicht und aktiv in die Behandlung eingebunden werden, statt erst im Krisenfall in der Klinik. Durch aufsuchende Angebote kann Hilfe direkt im Alltag stattfinden, das senkt Hemmschwellen und stabilisiert schneller.
Gibt es interfraktionelle Gespräche, um die Chancen für den Antrag zu erhöhen?
Wir sind offen für Gespräche mit anderen Fraktionen und setzen auf eine breite Unterstützung für dieses wichtige Thema. Gerade bei der Versorgung von Kindern und Jugendlichen sollte es einen gemeinsamen politischen Willen geben.
Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass der Antrag angenommen wird?
Angesichts der klaren Problemlage und der steigenden Fallzahlen erwarten wir eine ernsthafte inhaltliche Auseinandersetzung. Ob es für eine Mehrheit reicht, wird sich zeigen, aber wir sind überzeugt, dass der Senat hier handeln muss und unser Antrag dafür konkrete Impulse liefert.
Frau Christ, vielen Dank für das Interview.
„Die Rahmenbedingungen für eine bedarfsgerechte Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Essstörungen werden bundesweit festgelegt.“
Detailfragen hat sie zu dem Antrag der CDU nicht beantwortet, aber eine Stellungnahme abgegeben.
Das ist Gudrun Schittek:
Gudrun Schittek ist unter anderem Sprecherin für ambulante medizinische Versorgung, Frauen-, Kinder- und Jugendgesundheit sowie Abgeordnete der Grünen Fraktion Hamburg. Die niedergelassene Frauenärztin ist 2020 mit einem Direktmandat in die Hamburgische Bürgerschaft gewählt worden. Seit 2014 war sie Abgeordnete der Bezirksversammlung Harburg. Sie sagt:
„In der Therapie von Kindern und Jugendlichen mit Essstörungen zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab. Lange Zeit ging man davon aus, dass die Situation in der Familie eine zentrale Ursache für die Entstehung von Essstörungen ist. Stattdessen geht man immer stärker davon aus, die Familie nicht als Problem, sondern als Teil der Lösung für die Genesung der Kinder zu sehen. Bei der familienbasierten Therapie (FBT) bei Anorexie im Kindes- und Jugendalter werden Eltern als zentrale Mitbehandler*innen einbezogen, immer unter der Voraussetzung, dass sie eine gute psychotherapeutische Begleitung haben und sich ausreichend Zeit dafür nehmen können.
Wir begrüßen es sehr, dass die Charité mit der FIAT-Studie den FBT-Ansatz untersucht und zahlreiche Kliniken beteiligt. Die Ergebnisse werden wichtige Hinweise liefern, unter welchen Voraussetzungen FBT eingesetzt werden kann und gute Erfolgschancen hat – davon sollen langfristig alle Betroffenen und Behandler*innen in Deutschland profitieren. Wir unterstützen das langfristige Ziel, FBT in die Regelversorgung der Krankenkassen zu überführen. Nur wenn die familienbasierte Therapie auch als Kassenleistung abgerechnet wird, kann deutlich mehr Menschen damit geholfen werden.
Zusätzlich sind entsprechende Weiterbildungen für Behandler*innen und der Ausbau der gesamten Behandlungskapazitäten in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie wichtig. Die Bundesgesundheitsministerin darf die psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen auf gar keinen Fall gefährden! Die beschlossenen Honorarkürzungen für Psychotherapeut*innen sind auch vor diesem Hintergrund fatal. Unter derartigen Entscheidungen der Bundesregierung leiden viele Familien, auch bei uns in Hamburg. Die Hamburger CDU sollte dringend auf ihre Parteifreundin Nina Warken einwirken, das zu stoppen und vor allem den bereits von der Ampelkoalition beschlossenen Ausbau der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie weiter voranzutreiben.
Unabhängig von der FIAT-Studie werden auch in Hamburg am UKE die Angebote für Familien mit Kindern und Jugendlichen, die an Essstörungen leiden, im Sinne der Familienorientierung weiterentwickelt. UKE-Fachpersonal nimmt an Fortbildungen der Charité teil und berücksichtigt die FBT-Prinzipien in der Beratung und Behandlung, perspektivisch sollen zudem aufsuchende Angebote nach dem FBT-Ansatz ausgebaut werden. Zusätzlich leisten die Beratungsstellen von Waage e.V. (Fachzentrum für Essstörungen) , sMUTje der Therapiehilfe gGmbH und Kajal von Frauenperspektiven e.V. wichtige Überbrückungs- und Ergänzungsangebote. Für viele Betroffene und deren Familien sind diese Anlaufstellen echte Rettungsanker und helfen beim Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung. Die Rahmenbedingungen für eine bedarfsgerechte Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Essstörungen werden allerdings bundesweit festgelegt. Damit sich neue Ansätze wie die FBT in der Breite durchsetzen können, braucht es vor allem ausreichend Behandlungskapazitäten.“
„Voraussichtlich werden wir dem CDU-Bürgerschaftsantrag in der kommenden Woche nicht zustimmen.“
Die Grüne Fraktion trifft ihre finale Entscheidung über den Antrag der CDU am Montag. Dessen vorbehaltich teilt Gudrun Schittek mit:
„Ein FBT-Modellprojekt in Hamburg unter Beteiligung des UKE sowie weiteren kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen erscheint vor dem Hintergrund der laufenden FIAT-Studie zum jetzigen Zeitpunkt nicht zielführend. Die Ergebnisse der Charité sollten aus unserer Sicht abgewartet und anschließend in den Aufbau neue Versorgungsangebote nach dem FBT-Ansatz und deren Erforschung einbezogen werden. Eine Teilnahme an der FIAT-Studie steht grundsätzlich auch Familien aus Hamburg offen.
Wir unterstützen die bestehenden Anlaufstellen in Hamburg für Familien und Betroffene, die unter Essstörungen leiden. Eine weitere zentrale Anlaufstelle würde dazu eine Parallelstruktur schaffen. Aus diesen Gründen werden wir dem CDU-Bürgerschaftsantrag in der kommenden Woche nicht zustimmen.“
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